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"Jeder
Mensch, der sich auf den Weg zu sich selbst begibt, macht religiöse
Erfahrungen" sagt die Münchner Therapeutin Salama Inge
Heinrichs. Allerdings unterscheidet sie zwischen Religion und Religiosität
(bzw. Spiritualität): Religionen halten sich an Dogmen und
Gesetze, sie sind Institutionen. Spiritualität und Religiosität
hingegen versteht sie als bewußte Selbstfindung und schließlich
Wahrnehmung des göttlichen Seins im eigenen Wesenskern
Spiritualität und Religion
haben eines gemeinsam: Sie bedeuten Suche nach Gott, nach dem Lebenssinn,
dem Wesentlichen, dem Eigentlichen. Was Spiritualität und Religion
voneinander unterscheidet, ist: Religionen halten sich an Dogmen,
an Gesetze, sie sind Institutionen, die Gläubige zusammenhalten
und Politik damit machen. Spiritualität hingegen will die wesenseigene
Religiosität finden, jenseits von Institutionen, Gesetzen und
Dogmen. Spiritualität ist die bewußte Selbstfindung und
schließlich Wahrnehmung des göttlichen Seins im eigenen
Wesenskern. Sie ist der Aufbruch einer erwachenden Seele und der
erwachenden Menschheit in eine neue Dimension der Wahrnehmung der
Wirklichkeit. Sie schafft ein neues Verständnis von Moral und
eine neue Übungspraxis.
Religion, wie sie heute betrieben
wird, hat nicht mehr viel mit den Bedürfnissen und Möglichkeiten
der gegenwärtigen Menschheit zu tun. Mit ihren Dogmen und Glaubenssätzen
sind die Religionen politische Institutionen geworden, die die Seelsorge
vergessen haben und vor allem ihre Machtposition stabilisieren.
Schon die Aufforderung Jesu
"Komm, folge mir" ist von den Kirchen so interpretiert
worden, daß wir einem Hirten nachlaufen sollen, der uns zum
Heil führt. Seine Worte aber und deren Ergänzungen in
den wiederentdeckten, verschollenen Evangelien (z.B. das koptische
Thomas-Evangelium), scheinen authentischer zu sein als die paulinische
Religionspolitik. Sie sprechen eine Sprache, die uns auch heute
noch viel zu sagen hat, so wie jede ursprüngliche Weisheit,
die aus dem wirklichen Leben schöpft.
Erfahrung
statt Wissen
Doch was ist Religion eigentlich? Zunächst gilt, daß
alle Religionen weise Stifter haben. Alle haben einen weisen Kern,
aber fast alle sind für politische Zwecke ausgebeutet worden,
ausgenommen vielleicht einige wenige, archaische Naturreligionen,
für die es noch keinen Anlaß gab, Macht über ihr
Territorium hinaus auszudehnen.
Wenn der Weise tot ist, macht die Politik ein Dogma daraus. Vielen
Menschen geht es heutzutage viel mehr um Religiosität und Spiritualität
als um Religionen. Es geht ihnen um ein lebendiges Fühlen und
Teilnehmen an der kosmischen Wirklichkeit, um die Erweiterung ihrer
Wahrnehmungsfähigkeit, nicht um Festlegungen und Festgelegtes.
Es geht ihnen nicht um Wissen, sondern um Erfahrung. Sie suchen
Gott nicht irgendwo da draußen im Weltall oder dahinter, sondern
seine Präsenz in dem, was ist, vor allem im eigenen Herzen.
Die jüdische Kabbala sagt
hierzu: "Gott ist in seinem Wesen nicht erkennbar, in seinen
Offenbarungen aber ist er erkennbar. Das Universum bildet seinen
Körper". Wir sind Geschöpfe des Universums, wir sind
Teilnehmer und Teilhaber am kosmischen Geschehen. Trotz unserer
Kleinheit und persönlichen Unbedeutendheit dürfen wir
uns als wichtige Geschöpfe, als Repräsentanten göttlicher
Abkunft betrachten. Auch dann, wenn wir das vergessen haben sollten
oder nicht glauben können. "Religio" heißt
zurückfinden. Religiös sein heißt, sich auf das
Göttliche zu beziehen und nicht auf von uns Menschen zusammengechannelte
und zusammengebastelte Gesetze und Dogmen. Religiös handeln
heißt, soziale Intelligenz im Hinblick auf die ewigen Gesetze
anzuwenden und die notwendigen irdischen Gesetze zu entwerfen zur
Erhaltung des Lebens auf Erden, gemäß der geschichtlichen
Epoche und ihrer Möglichkeiten.
Religiös leben heißt,
sich in jedem Augenblick seiner selbst bewußt zu sein, aus
der inneren Verantwortung heraus zu handeln und der inneren Stimme
zu folgen. Auch wenn sie uns in ein Schlamassel führt, so führt
sie uns doch auch wieder heraus, vorausgesetzt wir lassen uns auf
das Geschehen ein. Probleme können als Wegweiser erkannt, als
Helfer benützt, als Material verarbeitet und als Anreger von
Energieentfaltung begrüßt werden.
Religiös
sein
Religiös sein heißt endlich, sich in Demut und Dankbarkeit
vor den Offenbarungen des Ewigen zu beugen. Wer das nicht freiwillig
tut, der wird eines Tages dazu gezwungen. Der Hinduismus nennt es
Karma, die Kirche nennt es Sühne. Ich selbst und viele meiner
Freunde und Helfer nennen es die universelle Gerechtigkeit. In ihrer
totalen Liebe begleitet sie jedes Wesen durch die Hölle und
erteilt ihm die Lehren, die es braucht, um bewußt zu werden.
Wir wissen nicht wozu, wir wissen nur, daß es geschieht und
daß dieser Prozeß unendlich ist. Und wenn wir uns entschließen,
auch das Kreuz auf uns zu nehmen, das Erkenntnisprozesse mit sich
bringen, dann dürfen wir an ihnen bewußt teilhaben. Das
Kreuz als Symbol für Konsequenzen, die dazu dienen, klug zu
werden, zu lernen und Kreativität zu entwickeln.
Als Kind dachte ich oft, wenn ich vor dem Kreuz knien mußte:
Das steht da wie ein Verkehrspolizist, der sagt "Bis hierher
und nicht weiter!". Meine Fragen waren damals: Warum? Wohin?
Wie? Das fragen wir auch heute, und ich bin noch nicht einmal sicher,
ob wir überhaupt fragen dürfen, ob es nicht eine Zumutung
für die Schöpfung ist, solch kleinen, wahnsinnigen Ego-Würstchen,
wie wir es hier auf Erden sind, die Wahrheit mitzuteilen. Schon
in der Gralssage heißt es: Das Licht der Wahrheit tötet,
wenn es einen Menschen unvorbereitet trifft, denn die Wahrheit ist
brutale Universalität, sie wirft unsere Vorstellungen, Hoffnungen
und Sehnsüchte total über den Haufen.
Ken Wilber gibt zu bedenken:
"In dem Maße, in dem die Menschen auf ihrem Weg aus dem
Unbewußten die Fähigkeiten und Fertigkeiten in andere
Bereiche ausweiten, vergrößert sich auch die Reichweite
ihres Wahnsinns." Dennoch kann diese Gratwanderung zur Wahrheit
führen.
Der
Weg zu sich selbst
Jeder Mensch, der sich auf den Weg zu sich selbst begibt, macht
religiöse Erfahrungen, d.h. er wird sich seiner Innerlichkeit
bewußt, er erfährt seine innere Stimme, er nimmt die
Lebendigkeit wahr, er bekommt Ehrfurcht vor dem Leben, vor seiner
eigenen Geschichte, die ihn dahin geführt hat, wo er jetzt
steht. Er beginnt sich selbst zu lieben, nicht als ein Ego-Diener,
sondern als Repräsentant der Schöpferkraft, der er dient
und die er gleichzeitig verkörpert.
Der Weg geht über die Selbsterkenntnis, aber nicht, indem wir
fasziniert in den Himmel starren und uns angesichts dieser Grandiosität
als winzige Würstchen wahrnehmen und darauf warten, daß
"eine lebendige Wahrheit" oder irgendein ominöses
Feuer uns begegnet. Oder wie bitte bringt man "den Mitternachtshimmel
zum Einsatz", wie ein gewisser Ramtha es verspricht? Sentimentales
Geschwafel! Auch die Poesie kann eine Verführung sein, die
an den Grenzen des Unsagbaren rüttelt und es jedem einzelnen
überläßt, welche Schlüsse er daraus zieht.
So ist die Bibel ein Kunstwerk, das Botschaften übermittelt,
die an eine Melodie gekoppelt sind, die das Herz erreicht, wenn
wir es öffnen.
Selbsterkenntnis passiert, wenn
wir in einen Spiegel schauen, der uns unser ganz persönliches
Ego-Portrait präsentiert. Wenn wir dies zutiefst wahrgenommen
haben, kann es sein, daß wir eine Sekunde lang über unser
kleines Ego hinausblicken und das Ganze ahnen, von dem wir ein Teil
sind. Also: Laßt uns auf dem Boden bleiben, in unserem Körper,
im Hier und Jetzt.
Süchtig
nach Gott
Wer Götter braucht, erfindet sie. Wer Gott sucht, muß
mit dem Engel der Jakobsleiter, oder wie in der griechischen Mythologie
beschrieben, mit dem Herrn der Schwelle ringen. Mit Saturn, dieser
Instanz in uns selbst, die der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist und
uns immer wieder abstürzen läßt, wenn unsere Ziele
unlauter sind und unsere Motive egobezogen. Das schlimmste, was
uns passieren kann, ist der Selbstbetrug. Er läßt uns
immer wieder in die tiefsten Höllen stürzen und führt
am Ende zum Wahn, zur Psychose und den meist irreparablen Zwängen
der Selbstherrlichkeit.
Der "Sensitive" erreicht immer nur die Erkenntnisebenen,
die seinem Charakter gerade noch zugänglich und angepaßt
sind. Er wird auch nur von denen verstanden und bewundert, die seines
Geistes sind. In der Literatur, überhaupt in der Kunst, sowie
in der Philosophie bedeutet "eingeweiht sein" nicht esoterische
Spiritualität, sondern: sich auf dem geistigen Niveau befinden,
auf dem der Künstler agiert. James Joice oder Goethes Faust
II oder Hölderlin kann nur verstehen und würdigen, wer
den geistesgeschichtlichen Weg nachvollziehen kann und hingeführt
worden ist zu solcher Weltbetrachtung, zu solchem Lebensausdruck.
Auch hier brauchen wir Lehrer.
Wer auch nur einmal eine Gotteserfahrung
gemacht hat, einmal den Zustand der Transzendenz in seinem eigenen
Innern erlebt hat, wird danach süchtig und wird alles daran
setzen, um wieder an dieses höchste Glück zu kommen. Jeder
sehnt sich zutiefst danach, hat aber ebenso Angst, sein Ego loszulassen,
seine Eigenart aufzugeben, die er für seine angestammte und
zu entwickelnde Individualität, für seinen Charakter hält.
Meister
und Lehrer
Charakter ist eine Miniaturpsychose (Ferenczi). Deshalb versuchen
viele erst mal auf der Himmelsleiter einige Sprossen zu überspringen
und die Transzendenz auf eine Art und Weise zu erlangen, die diese
gerade verhindert - sei es durch Träumereien, Phantasien, Beschwörungen,
Rituale, Prophetie oder sonst ein "Teufelswerk" oder "Himmelsgeschenk".
Der Zwangsjacke von Gier und Unersättlichkeit ist schwer zu
entkommen. Auch das Gebet, im Sinne des Bittens, ist eine Bremse,
ja eine Anmaßung, denn wir versuchen, etwas zu erbitten, was
wir glauben, haben zu müssen. Vielleicht steht es uns aber
gar nicht zu, sonst bekämen wir es ja. Das einzige, worum wir
bitten dürfen, ist Kraft, um in Dankbarkeit und Einsicht hinnehmen
zu können, was uns gegeben wird.
In alten Zeiten, in Ashrams und Klöstern, waren Meister oder
Lehrer dazu da, um den Schülern Prüfungen und Exerzitien
aufzuerlegen. Die heutigen sich kristallisierenden Egos glauben,
ohne einen Meister auskommen zu können, es im Alleingang zu
schaffen - wie der Lonesome Cowboy, der einsame Westernheld, der
sich nach getaner Arbeit (die darin besteht, Verwirrung zu stiften
und zu töten) auf sein Roß schwingt und von dannen reitet,
neuen Abenteuern entgegen. Der Bewußtwerdung stehen der Stolz
im Wege und die Angst, sich einordnen zu müssen in die Karawane
der blinden Sucher, unter das Volk, unter die Unwissenden, die Dummen.
Hinter dem Stolz lauert die Angst. Angst kann jedoch nicht bekämpft
werden. Sie zeigt den Weg. Wenn die Verbindung zum Urgrund, zum
Kosmos offenbar wird, dann verschwindet sie einfach.
Shiva
und Ereshkigal
Wenn es um Religion geht, um die Annäherung an das Göttliche,
wird von jeder Lehre absolute Hingabe und Aufmerksamkeit, das absolute
Loslassen verlangt, bis auf den letzten Rest der Persönlichkeit.
Die Früchte der Erkenntnis wachsen auf hartem Boden. Shiva,
der Zerstörer aller weltlichen Illusionen, verlangt das Erlebnis
des Göttlichen in seiner furchtbarsten Form: das Vermögen,
der unverschleierten Wahrheit ins Auge zu sehen, ohne davon überwältigt
oder verstört zu werden. Seine Maxime, der fünffache Offenbarungsprozeß,
lautet: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verschleierung,
Gnade.
Ereshkigal, die sumerische Göttin des Todes und der Wiedergeburt,
hat ihre Schwester Jana, die Göttin des Lichts, vernichtet.
Diese mußte allen äußeren Schein ablegen, ihre
Identität aufgeben, um als Symbol wieder aufzuerstehen. Auch
Jesus verlangt - und praktizierte, soweit das überliefert ist
- das Loslassen seiner eigenen Wünsche und Vorstellungen. Selbst
in seiner letzten Stunde bat er um Aufschub, bis der Prozeß
der Hingabe so radikal fortgeschritten war, daß er sagen konnte:
Dein Wille geschehe! Er mußte ans Kreuz geschlagen werden,
um die letzte Hürde des Loslassens zu nehmen und uns damit
zu zeigen, was Hingabe bedeutet.
Und schließlich hat uns
Osho gezeigt, wie man mit Anstand geht. Als sein Herz schwächer
wurde und seine Anhänger einen Kardiologen holen wollten, um
sein Leben zu verlängern, sagte er: "Nein, nein, es ist
genug. Die Existenz hat es beschlossen, und ich gehe. Ich hinterlasse
Euch meinen Traum!"
Die Früchte der Erkenntnis
wachsen auf hartem Boden, und die Gnade wird nur zuteil im Loslassen.
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