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ALLES
MUSS ANS LICHT
… lautet das Motto von Salama
Salama ist Jahrgang 1922, ziemlich fit und so etwas wie die
Grande Dame der Münchner Sannyas-Szene.
„Ist das nicht lästig?“, frage ich mich und
sie. „Wenn man so alt ist, projizieren doch sicher sehr
viele Leute ihre Mutterthemen auf einen.“
„Sowieso“, sagt Salama trocken. „Als Therapeutin
bist du immer eine Projektionsfigur.“
NIE WIEDER DIE KLAPPE
HALTEN!
Salama ist in Ingolstadt geboren, deswegen der gepflegte bayerische
Akzent, trotz langer Zeit in Berlin. Von 1932 bis 1945 lebte
sie dort mit Vater, Mutter, Schwester und studierte an der
Kunstakademie Grafik – sofern das in diesen Zeiten noch
möglich war. Die Begabung fürs Zeichnen und Malen
hat sie vom Vater geerbt und schon als Kind entdeckt –
während des Unterrichts portraitierte sie die Lehrer.
Damals hatte sie eine halbjüdische Busenfreundin. Als
deren Eltern deportiert wurden, bestürmte Inge, wie sie
damals hieß, ihren Vater – ein Mann mit Einfluss
–, etwas für deren Familie zu tun. Der sprach:
„Halt den Mund, sonst kommen wir alle ins KZ.“
Salama sagt: „Danach wollte ich nie wieder im Leben
die Klappe halten. Das ist die Grundlage meiner Therapie.
Alles muss ans Licht!“
Salamas Mutter, eine Hellseherin und Astrologin, hat ihr schon
als Kind vieles vorhergesagt, z.B.: „Hitler wird einen
Krieg anfangen, die Deutschen werden ihn verlieren, aber wir
werden überleben. Es wird vorbeigehen.“ Oder: „Mit
den Männern, das wird anstrengend – aber an deinen
Kindern wirst du viel Freude haben.“ Salama selbst hat
die Hellsichtigkeit insofern geerbt, als sie sieht, wenn jemand
bald sterben wird. Aber auch: „Du wirst sehr alt werden“.
KRIEGSWIRREN
Gegen Ende des Krieges wurde sie dienstverpflichtet. Ihr Arbeitsplatz
war das Patentamt in Kreuzberg. Kreuzberg wurde eines Tages
im Winter 1945 drei Stunden bombardiert. Salama saß
zitternd im Keller, als die Bomben ins Haus krachten. Mit
einem Hammer hackten sie und die anderen Eingeschlossenen
einen Durchgang zum Nachbarhaus-Keller. Endlich im Freien,
wurde sie von dem hinter ihr einstürzenden Gebäude
verschüttet, „bis zur Brust im Dreck.“ Der
Schock bewirkte den Entschluss: „Raus aus Berlin, nix
wie weg!“ Ihr Freund und Studienkollege war verwundet,
ihr Chef sagte: „Verschwinden Sie! Hauen Sie bloß
ab. Am besten nach Bayern!“
So schlug sie sich in den Kriegswirren Richtung Bayern durch.
Am 1. April 1945 fand sich Salama mit ihrem Freund in Ottobeuren
im bayerischen Oberland wieder. Sie hielten sich mit Portraitmalen
über Wasser. Ihre Kunden waren amerikanische Besatzungssoldaten.
Und sie heirateten, weil: „In den 40er Jahren in der
bayrischen Provinz – es ging einfach nicht anders!“
Aus der Kirche war sie schon längst ausgetreten: „Ich
hatte einfach keinen Bezug dazu,“ konstatiert sie nüchtern.
REVOLUTIONÄRES DREIECK
Nach einer Weile zogen sie beide nach München. Salama
verliebte sich in einen anderen Mann. „Ich hatte immer
nur diesen einen Mann gekannt – ich wollte einfach wissen,
wie es mit einem anderen ist.“ Wie sie das erzählt,
mit ihren 84 Jahren; sobald sie sich an ihre jugendlichen
Liebhaber erinnert, kommt sie immer noch in Fahrt. Fünf
Jahre hielt das Dreieck: der Ehemann, der Liebhaber und sie.
Eine Revolution in der verklemmten Enge der 50er Jahre! „Wir
machten diese bürgerliche Nummer einfach nicht mehr mit!“
Und fertig.
Langsam aber sicher warf die 68er-Revolution ihre Schatten
voraus. Salama ist inzwischen eine vielbeschäftigte Malerin
und Grafikerin. Sie hat zwei kleine Töchter (von ihrem
Mann) und einen Gatten, der nicht ganz so erfolgreich ist
wie sie und der damit ein Problem hat. Aufbruchstimmung hängt
in der Luft. Die Zeiten damals: jeden Abend Gäste –
darunter auch später berühmte wie Michael Ende oder
Ruth Drexel; linksintellektuelle Diskussionen, der Wunsch
aus der Duckmäuserei auszubrechen, Kneipen, endlose Gespräche,
Hoffnungen, die Sehnsucht nach einem neuen Lebensstil. Freiheit
und Abenteuer am Horizont.
Doch das musste alles erstmal aus- und herbeidiskutiert werden
– die Zeiten waren so. Salama gründete die Münchener
außerparlamentarische Opposition (APO) mit. Im Vorstand
war sie die einzige Frau unter neun Männern. Sie machte
die Erfahrung, dass diese neun immer milde lächelten,
wenn sie etwas sagte. Und dass die Männer ihre Ideen
nach kurzer Zeit immer als ihre eigenen verkauften. Um das
Problem an den Wurzeln zu packen, gründete sie Männer-
und Frauengruppen. Die Idee war: Die Frauen sollten das Reden
und die Männer das Zuhören lernen …
500 STUNDEN AUF DER COUCH
Ihre Ehe wurde immer schlechter, die Kinder litten, sie kam
nicht mehr zurecht. Der Gedanke, dass sie etwas für sich
tun musste, tauchte in ihr auf, wurde stärker und mündete
im Entschluss zu einer Psychoanalyse. Es gab nichts anderes
damals. Ab 1970 gab sie sich fünfhundert Stunden auf
der Couch.
„Hat es dir was gebracht?“, frage ich sie. „Es
hat mich gelehrt mit Bildern umzugehen und mit Träumen.
Wirklich verändert hat mich dann die Körperarbeit,
die ich später gelernt habe, z.B. die Bioenergetik bei
Gerda Boyesen.“
DER GESUNDHEITSPARK
Das war auch die Zeit, als sie mit anderen aufgeweckten Menschen
eine kleine private Grundschule gründete. Damals spielten
die Ideen von Summerhill – den Kindern größtmögliche
Freiheit zu lassen, in der Zuversicht, dass sie sich dann
am besten entwickeln – eine große Rolle. Den Münchener
Behörden und speziell dem Kulturministerium war das ein
Dorn im Auge. Als man feststellte, dass die Kinder nach drei
Jahren dort immer noch nicht lesen und schreiben konnten,
nahm man das zum Anlass, die Schule zu schließen. „Die
werden nie das Abitur schaffen“, war das Argument. Tatsache
ist, dass alle diese Kinder das Abitur gemacht haben. Nicht
zuletzt von dem Impuls angefeuert: „Denen werden wir´s
zeigen!“
Salama schrieb für das BLATT. Das BLATT ist die Münchener
Mutter aller Stadtzeitungen und war damals ein grafisch und
inhaltlich revolutionäres (Schwarz-Weiß-) Heft.
Sie schrieb über Marxismus und Psychologie, über
Politik und psychische Gesundheit. Von ihrem Mann hatte sie
sich inzwischen getrennt. Nun wurden die Leute vom Gesundheitspark
auf sie aufmerksam und engagierten sie. Der Gesundheitspark,
im Münchener Olympiapark gelegen, ist ein „Zentrum
für Gesundheitsförderung“ der Volkshochschule,
mit einem bunten Angebot für Körper und Seele. Seit
über 30 Jahren arbeitet sie dort … immer noch.
SALAMA HEIßT FRIEDEN
Die Mutter hatte ihr auch vorhergesagt, dass sie einen außergewöhnlichen
Menschen treffen würde, der in den 30er Jahren in Indien
zur Welt gekommen sei, und dass die Welt zweihundert Jahre
brauchen werde, um ihn zu begreifen. Auf ihrer Suche nach
sich selbst war Salama eines Tages in Margarethenried gelandet.
In dem Dorf Margarethenried lag das Purvodaya, eines jener
legendären Frühzeit-Zentren in Niederbayern, in
dem schon in den 70er Jahren meditiert wurde wie verrückt
– womit die damals rotgewandeten Sannyasins Otto Normalverbraucher
verschreckten, weil sie als kleine Kommune zusammen lebten,
liebten und im Sannyas Verlag Osho Bücher verlegten.
Salama nahm dort an einer 10-tägigen Meditationsgruppe
teil und erlebte automatisches Tanzen.
„Was ist das?“
„Das ist, wenn du den Körper nicht mehr in der
Hand hast und einfach nur zulässt, wie er sich bewegt.
Er tanzt von sich aus.“
Danach fuhr sie nach Pune und nahm Sannyas. Salama heißt
Frieden. Von Osho hat sie viel Aufmerksamkeit bekommen. Nie
hat er sie aufgefordert, in Indien zu bleiben. Immer war klar:
Ihre Arbeit mit Menschen findet im Westen (in Deutschland
und in Italien) statt. Das ist ihr Lebensmittelpunkt. Sie
hatte sich kräftig fortgebildet: klientenzentrierte Gesprächstherapie
nach C. Rogers, Psychodrama, Gestalttherapie, Encounter, Primärtherapie.
Umso konsternierter war sie, als „damals in Oregon“
alle Therapeuten ein vierteljährliches Training nochmal
durchlaufen sollten. „Ich doch nicht!“ Hinterher
war sie froh, dass sie dabei war. Ein Buddhafeld ist eben
ein ganz spezieller Platz.
DIE EHRENDOKTORWÜRDE
Heute lebt Salama in einer großen Wohngemeinschaft,
zusammen mit vielen Freunden in einer prachtvollen Gründerzeit-Villa
mit großem Garten und alten Bäumen in Münchens
Edelviertel Harlaching. Sie ist überzeugt von Wohngemeinschaften,
„weil das der Ort ist für ehrliche Begegnung, Kommunikation
und gegenseitige Unterstützung“, lauter Qualitäten,
die ihr wichtig sind. Ihr Institut Heinrichs und Heinrichs
betreibt sie mit ihren beiden Töchtern und noch einigen
Mitarbeitern. Mit ihren 84 Jahren arbeitet sie einfach immer
noch weiter. Im Gesundheitspark, dem durch die Sparpolitik
der Stadt München die Pleite droht; im Osho Leela, wo
sie im Herbst eine fortlaufende Abendgruppe startet namens:
„Wer bin ich und wozu bin ich da?“ Und jeden Mittwoch
veranstaltet sie bei sich zu Haus auch noch einen „offenen
Abend“ und legt Karten (unbedingt telefonisch anmelden!).
Neulich war ihr alter Freund Veeresh in München. Der
leitet die Humaniversity in Holland – ein humanistisches
Wachstumszentrum im Osho-Stil, das in Holland Universitätsstatus
hat. Er ließ ausrichten, dass er sich freuen würde,
sie zu sehen. Salama verbrachte einen anregenden Nachmittag
mit Veeresh. Zwei Wochen später lud er sie nach Holland
ein. Salama fuhr hin und war baff: Veeresh verlieh ihr die
Ehrendoktorwürde für ihr Lebenswerk! Salama war
bewegt und stolz.
Salama Dr. h.c. Inge Heinrichs,
Mitglied der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie.
Ihr Buch „Das Geheimnis der Lebendigkeit“ erschien
2001 im Kösel Verlag, ein weiteres Buch „Körpersprache
als Schlüssel zur Seele“ erschien beim Peter Erd
Verlag.
Was soll aus dir werden
Wenn nicht das Erwachen
Das Beten der Bäume
Der Vögel Gesang
Ein Herz voller Liebe
Voll Demut und Lachen
Was willst du denn sein
Wenn nicht das
Was du bist
Salama
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