| Ich
will weg, ich will weg. Wie bin ich eigentlich hier her gekommen.
Hatte ich nicht die Nase voll gehabt von all dem Getue zwischen
Männern und Frauen, dem Gerenne nach Zuwendung, Nähe, Zärtlichkeit
und Sex? Ich wollte doch etwas für mich tun, Kraft tanken,
unter Männern sein.
Und jetzt bin ich hier:
"frauengruppe mit männern"
eine Frauengruppe.
"Ein Selbsterfahrungswochenende für ungebundene Frauen, die
Lust haben das Geheimnis ihres Alleinseins und ihrer oft vergessenen
Weiblichkeit zu ergründen. Für Frauen, die sich ein Wochenende
lang von gruppenerfahrenen, ungebunden Männern verwöhnen lassen
wollen."
NEIN - was tu ich hier,
ich brauche selbst etwas, ich will nehmen, nicht geben. JA
- dies ist nicht meine erste Selbsterfahrungsgruppe, aber
dieses Mal bin ich in die Falle gegangen. Hereingefallen auf
den sogenannten guten Rat eines sogenannten guten Freundes:
"Genau das richtige für dich, in deiner Situation. Eine der
stärksten Männergruppen die ich kenne." Und jetzt sitz ich
hier, zu früh angereist, im sonnendurchfluteten Garten von
Burg Wahrberg, die sich wahrscheinlich gleich, vor meinen
Augen in ein Bordell für frustrierte Frauen verwandeln wird,
in dem ich den Callboy spiele.
Was erwartet mich? Was
erwarte ich? Ich warte. Viel Zeit mir eine richtig schlechte
Zeit zu machen. Reifen knirschen auf dem Kies der Auffahrt,
Wagentüren schlagen. Ankommende Männer und Frauen füllen die
Räume, Schlafplätze werden zugewiesen, Betten bezogen, Gepäck
ausgepackt. Die Räume für uns Männer liegen weit ab der Frauenräume,
auch einen eigenen kleinen Gruppenraum haben wir. Je mehr
sich die Burg füllt, desto stärker ändert sich die Stimmung.
Nervosität und Aufregung breiten sich auf dem ganzen Gelände
aus. Niemand scheint zu wissen was auf uns zu kommt, und die,
die schon zum wiederholten mal dabei sind schweigen.
Eine fast elektrische
Spannung liegt in der Luft. Beim Abendessen an der langen
Tafel im eindrucksvollen Rittersaal wird die Spannung fast
unerträglich. Ich ertappe mich bei albernen Späßen und flachen
Witzen. Den anderen muß es ähnlich gehen. Kurze abschätzende
Blicke fliegen hin und her. Ich taxiere vorsichtig Männer
wie Frauen.
Wir sind 12 Männer und
genauso viele Frauen. Es gehört zum Konzept der Gruppe, daß
nur so viele Männer zugelassen werden, wie sich Frauen angemeldet
haben. Alterspektrum: Ende zwanzig bis Mitte fünfzig. Ich
versuche meinen Marktwert zu veranschlagen und tippe auf untere
Mittelklasse. Ein paar der Männer steck ich in die Tasche,
aber natürlich sind auch ein paar dieser waschbrettbäuchigen,
gut aussehenden Frauenabräumer dabei, die ich schon in der
Tanzstunde nicht riechen konnte. Von den Frauen interessiert
mich natürlich eigentlich keine. Eigentlich, bis auf die Blonde,
ziemlich jung, gute Figur und die etwas ältere Glutäugige
mit dem wohlgeformten H...Herzen. Aber, wie es der Zufall
will, plaudern beide bereits angeregt mit einem Mann (obere
Mittelklasse), der offensichtlich nicht das erste Mal hier
ist. Peinlich wie der seinen Heimvorteil ausnützt.
An einem kleineren Tisch
etwas abseits, sitzen Coco Heinrichs und Christoph Swoboda,
die die Gruppe leiten, zusammen mit ihrem Team. Ab und zu
lassen sie ihren Blick über uns schweifen, nehmen die Stimmung
auf, schmieden irgendwelche Pläne und hin und wieder wird
gelacht. Christoph begrüßt alle recht freundlich, um uns dann
darauf hinzuweisen, daß an diesem Wochenende ausschließlich
die Männer Tischdecken, Tischabräumen und den Dienst an der
Spülmaschine übernehmen. Jetzt lachen die Frauen. Das kann
ja heiter werden.
Es geht los. Die Gruppe
wird getrennt und Männer und Frauen begeben sich in ihre jeweiligen
Gruppenräume. Da sitz ich nun mit meinen Konkurrenten, den
Mitbewerbern um die Gunst der Frauen. Ich schau mich um, weiche
Blicken aus, studiere meine Fingernägel, als hätte ich sie
gerade neu entdeckt. "Da sitzt Du nun mit den Männern, mit
denen zusammen Du durch dieses Wochenende gehen wirst. Schau
Dich gut um. Wie fühlt sich das an?" sagt Christoph. Wir sagen
unsere Namen und lauschen bewußt auf den Klang und auf das,
was sich in der Stille danach offenbart. Es ist erstaunlich
wie schnell und scheinbar leicht es Christoph und seinen Assistenten
gelingt die Stimmung zu wandeln. Die angestaute Spannung platzt.
Das Bedürfnis sich mitzuteilen ist offenbar bei allen Männern
groß. In einer mir ungewohnten Vertrautheit und Offenheit
reden die Männer über ihre Erwartungen, Hoffnungen und Ängste.
Und siehe da, ich bin nicht allein. Vieles kenne ich von mir,
anderes überrascht mich. Wir rücken dichter zusammen. Wir
reden über Freundschaft und Konkurrenz, über unsere Angst
zu versagen, abgelehnt zu werden, oder, noch schlimmer über
unsere Panik angenommen, vereinnahmt zu werden. Auch über
Frauen reden wir, über die Frauen aus unseren Leben und über
die Frauen hier. Und siehe da, die Blonde und die Glutäugige
stehen bei den meisten Männern auf den ersten Plätzen. Das
Kampffeld scheint abgesteckt.
Doch an diesem Wochenende
wird vieles anders laufen als gewohnt. "Stell Dir vor Du bist
an diesem Wochenende ein Vertreter der Männlichkeit. Und stellvertretend
für alle Männer begegnest Du den Frauen als Vertreterinnen
der Weiblichkeit. Urteile nicht, versuche allen Frauen mit
offenem Herzen liebevoll zu begegnen. Du sollst allerdings
nichts tun, was Du nicht willst. Es geht nicht darum Dich
anzudienern. Sei Dir bewußt, so wie Du bist, bist Du ein Angebot.
Ein Angebot der Männlichkeit an die Weiblichkeit im ganzen."
Aber was ist das: Männlichkeit.
Ehe wir auch dieses Thema
bereden können ist die Zeit vergangen. Wir umarmen uns lange.
"Paßt gut auf Euch auf an diesem Wochenende, achtet aufeinander,
haltet zusammen, unterstützt Euch. Wenn Du etwas brauchst,
wende Dich an Deine Mitmänner." Der enge Körperkontakt unter
Männern ist mir immer noch ungewohnt. Aber es tut gut. Jeder
fühlt sich anders an. Der Körper meines Gegenübers zittert
leicht vor Aufregung. Plötzlich fühle ich mich wie ein liebevoller
Vater. Ich spüre ich kann etwas von der Liebe geben, die ich
von meinem Vater so gerne bekommen hätte. Fasziniert beobachte
ich wie sich der Mann in meinen Armen entspannt, sein Atem
wird, gemeinsam mit meinem, kraftvoller und ruhiger. In anderen
Armen wieder fühl ich mich wie ein kleiner Junge, geborgen
und geschützt. Es kann so schön unter Männern sein. Aber dies
ist "top-secret" eine Frauengruppe. Und so begegnen wir in
dieser Nacht zum erstenmal "offiziell" den Frauen. Ich bin
überrascht, daß uns nicht nur neugierige Erwartung, sondern
auch Argwohn, Zurückhaltung, ja Ängstlichkeit und Ablehnung
entgegen schlägt. Einem der Männer steht die Enttäuschung
ins Gesicht geschrieben. Ich lege ihm den Arm um die Schulter.
Dankbar umarmt er mich und lacht. Ich bin stolz auf uns.
Im Ausklang der Nacht
wird noch geredet, geflirtet, getrunken, gelacht. Immer wieder
treffen mich aufmunternde, freundschaftliche Blicke der Männer,
die ich dankbar erwidere. Letztendlich lande ich, wie (fast??)
alle Männer, wieder in unseren Schlafräumen. Ich bin froh
wieder in Männerland zu sein und entspanne.
Der frühe Morgen erwartet
uns turbulent. Zusammen mit den Frauen gehen wir Männer durch
ein rasendes Karussell menschlicher Gefühlszustände. Wir schreien,
toben, lachen, lieben, weinen. Wir begegnen uns als Götter,
als Dämonen, Freunde, Feinde, Lüstlinge und Heilige. Die Struktur
ist dynamisch und straff, das Team hat alle Hände voll zu
tun. Danach ist es als wäre ein Schleier weggezogen worden.
Ich sehe erschöpfte aber klare und lebendige Gesichter. Mittagessen.
Und dann wieder eine Runde
unter Männern. Ich freu mich auf das Zusammensein mit meinen
Geschlechtsgenossen. Aber nicht alles ist Friede-Freude-Eierkuchen.
Viele sind vom bisherigen Verlauf tief berührt. Bei manchen
sind alte Verletzungen aufgebrochen, andere sprühen vor Neid
und Konkurrenz. Wir reden viel, das weckt Verständnis für
andere und für mich selbst. Wir tanzen, und lassen unseren
Gefühlen im körperlichen Ausdruck freien Lauf. Das tut gut.
Wir sind laut und kraftvoll, entdecken aber auch die heilende
Kraft der körperlichen Berührung in einer brüderlichen Männerrunde.
Nichts wird unter den
Teppich gekehrt und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen
fühlen wir eine starke männliche Verbundenheit. Mit dieser
Verbundenheit gehen wir in den Abend. Es wäre schade hier
Ablauf und Details zu verraten. Coco und Christoph spielen,
immer wieder neu, mit Aufregung, Spannung, Entspannung, Spaß
und Lebensfreude. Und sie machen es gut, liebevoll und aufmerksam.
Für mich war es die Verbundenheit mit den Männern, die mir
in dieser Nacht die Kraft und den Mut gegeben hat über mich
hinaus zugehen ohne mich zu verlieren.
Ich bin neue Risiken eingegangen,
habe Grenzen überschritten und Grenzen gesetzt. Ich habe Zurückweisung
und Zuneigung erfahren. Ich habe viel gegeben und im gleichen
Atemzug soviel bekommen. Ich habe in mir eine Kraft gespürt
die mir erlaubt hat mich als Mann zu zeigen, zu öffnen, zu
fühlen, zu geben und zu nehmen. Und ich habe die unterstützende
Kraft der anderen Männern gespürt. Nicht nur die meiner 11
Weggefährten, sondern es war, als würden Generationen von
Männern hinter mir stehen, mir den Rücken stärken und sich
darüber freuen, daß ich den Mann lebe, der ich bin. Und noch
was: die Blonde. Ich sah sie in dieser Nacht in einer innigen
Umarmung mit einem anderen Mann. Sonst hätte mir das einen
tiefen Stich versetzt. Diesmal dachte ich seltsamerweise nur:
" Super, einem von uns geht es gut."
Am Sonntag keine Katerstimmung.
Da sitz ich nun in der Männerrunde und habe das Gefühl unter
Freunden zu sein. Wir erzählen, lachen und weinen viel. Es
sind Tränen des Berührtseins und der Freude. Freude etwas
gefunden zu haben, was wir schon lange vermißt und gesucht
haben. Ehrliche und tiefe Freundschaft unter Männern. Und
die Frauen? Sie waren grandios. In dieser Nacht sah ich sie
alle als Königinnen, und ich durfte ihnen als König begegnen.
In der gemeinsamen Abschlußrunde
habe ich viel Dankbarkeit und liebevolle Rückmeldung ernten
können. Bestimmt sehe ich die eine oder die andere wieder,
und vielleicht, wer weiß....eine Männergruppe der ganz anderen
Art", das ist ein guter Tip für gut Freunde. Ich will nicht
weg, will dableiben. Der Abschied fällt schwer. Ich habe Freundschaften
geschlossen, von denen manche weitergehen werden. Ich habe
viel gelernt über Frauen, mehr gelernt über Männer, und noch
mehr über mich selbst erfahren. Jede/r trägt ihre/seine Geschichte
mit sich.
Wir können uns in Liebe
begegnen. Aber das tiefe Verstehen, die Verbundenheit und
Freundschaft, die ich unter Männern erfahren habe, ist mir,
als Mann, lebensnotwendige Nahrung und Stütze geworden, auf
die ich nie mehr verzichten will.
Siehe
auch den Artkel von Andrea aus der Sicht einer Frau |
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Frauengruppe
mit Männern eine Männergruppe der ganz anderen Art
von
Detlef Stueber
genommen aus "Mensch und
Sein"
Nr. 8/01"
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